Werde ich von meinem Smartphone abgehört?

Vom Smartphone mit Lautsprecher abgehört

Hast du auch manchmal das Gefühl, dass du von deinem Smartphone abgehört wirst? Mir ist neulich folgendes passiert: Ich habe mich mit jemandem über ein Thema unterhalten und ohne dass ich anschliessend im Netz danach gesucht oder gegoogelt hätte, erschienen einen Tag darauf überraschend passende Werbeanzeigen zu genau diesem Thema. Höchste Zeit für mich, mein Smartphone dahingehend zu überprüfen, welche Apps Zugriff auf mein Mikrofon haben – denn das könnte theoretisch mithören, selbst wenn ich gerade kein Telefonat führe. Oder?

Vom eigenen Smartphone abgehört? Mein Fall

Vor kurzem habe ich mich persönlich (also nicht via Telefonat) mit jemandem darüber unterhalten, dass ich lange nicht im Kino war. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich angemerkt habe: „Ich war so lange nicht im Kino und sehe irgendwie auch nirgends Filmtrailer, da weiss ich gar nicht, was aktuell überhaupt läuft“.

Am Folgetag wurde ich dann regelrecht schock-überrascht: Als ich Facebook öffnete, wurde ich in meinem News Feed mit verschiedensten Filmtrailern geradezu überschüttet.

Reiner Zufall? Ich habe erstmal nicht daran geglaubt, denn das erschien mir einfach zu präzise. Also habe ich recherchiert.

Können Smartphones Gespräche mithören? Die Theorie

Gleich vorneweg: Ja, aus technischer Sicht können Apps, die einen Zugriff aufs Mikrofon des Smartphones haben, Audios aufzeichnen. Sprich, „mithören“.

Ob das aber in der Realität passiert, um Daten für Werbeanalysen abzugreifen, ist eine ganz andere Sache. Denn:

  • Dauerhaftes Aufzeichnen und Aktivsein des Mikros würde massiv Akku ziehen, also nicht lange unbemerkt bleiben.
  • Übertragungen der aufgezeichneten Daten würden Datenvolumen erzeugen, das für den Smartphone-Besitzer jederzeit einsehbar ist.
  • Moderne Betriebssystem-Versionen (sowohl Android als auch iOS) zeigen an, wenn das Mikrofon gerade aktiviert ist.
  • Last but not least: Rechtlich wäre das hochriskant (nicht nur mit der DSGVO in EU & Schweiz, genauso mit FTC in den USA). Ob sich das Risiko für Werbetreiber nur für ein paar läppische Ads im News Feed lohnt?

So überprüfst du, welche Apps Zugriff aufs Mikrofon haben

  1. Öffne die Einstellungen auf deinem Smartphone.
  2. Navigiere zu „Apps“ (untertitelt mit Standard-Apps & App-Berechtigungen)
  3. Es öffnet sich eine Liste aller installierten Apps, die alphabetisch sortiert ist. Hier kannst du entweder gezielt nach „Verdächtigen“ suchen oder nacheinander die einzelnen Apps überprüfen.
  4. Öffnest du eine App aus der Liste, öffnet sich ein Fenster mit weiteren Informationen dazu (u.a. ob sie mit mobiler Datenverbindung genutzt wurde, wie viel Akku sie verbraucht hat, Speicherbelegung usw.). Hier findest du unter der Überschrift „App-Einstellungen“ neben Benachrichtigungen auch die Berechtigungen.
  5. Wenn du auf Berechtigungen klickst, kannst du in der Liste darauf einzelne Optionen aktivieren oder deaktivieren.

Tauschen Google und Meta Sprachdaten aus?

Die Kurzfassung: sehr unwahrscheinlich.

Begründung: Beide Konzerne sammeln extrem viele Daten und betreiben riesige Werbenetzwerke. Jetzt kommt das grosse Aber: Sie sind direkte Konkurrenten im Werbemarkt.

Es wäre wirtschaftlich schlichtweg unsinnig, auf rechtlich riskante Weise gesammelte Daten irgendwohin weiterzuverkaufen. Denn Daten sind der Wettbewerbsvorteil und wer die verkauft, schwächt sich selbst.

Warum wirkt es trotzdem so, als würde man abgehört?

Hier wird es interessant. Bei meinen Recherchen habe ich mehrere realistische Erklärungen gefunden – und die sind verblüffend gut.

Algorithmische Vorhersage

Werbesysteme arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten.

An meinem Beispiel:

  • Ich war länger nicht im Kino.
  • Mein Standort zeigt, dass ich mehrere Kinos in der Nähe habe.
  • Freunde aus meinem Umfeld haben kürzlich Kinoinhalte angesehen, Trailer mit „gefällt mir“ markiert oder etwas dazu gepostet.
  • Ggf. kommen saisonale Faktoren (z. B. Oscar-Zeit, Preisverleihungen, Sommerblockbuster, Fortsetzungen bekannter Filmreihen) hinzu.

Das System weiss dann: „Personen mit diesem Profil reagieren aktuell häufig auf Filmtrailer.“

Ich bekomme Werbung und verbinde es rückwirkend mit meinem Gespräch, obwohl es nichts miteinander zu tun hat.

Social Graph / Umfeld-Effekt

Wenn mein Gesprächspartner im Gegensatz zu mir nach Kinoprogrammen gesucht hat oder sich Trailer angesehen hat und wir:

  • im gleichen WLAN waren,
  • uns häufig am gleichen Ort aufhalten,
  • als Kontakte verbunden sind,

kann ein Werbesystem statistisch annehmen, dass uns ähnliche Themen interessieren.

Das fühlt sich wie „abgehört werden“ an, ist aber eine Verknüpfung über Verhaltensmuster.

Geräte- und Standort-Korrelation

Werbenetzwerke erkennen:

  • welche Geräte regelmässig am gleichen Ort sind,
  • welche IP-Adressen zusammen auftreten,
  • welche Bewegungsmuster ähnlich sind.

Das nennt sich „Household Targeting“. Vereinfacht: Werbenetzwerke versuchen zu erkennen, welche Geräte wahrscheinlich zu einem gemeinsamen Haushalt gehören (Smartphones, Tablets, Laptops, Smart-TVs usw.). Das funktioniert über die IP-Adresse, Standortdaten, Nutzungszeiten und teilweise gemeinsame Kontakte oder auch Accounts. Auf diese Weise entsteht ein Haushaltscluster.

Warum es unheimlich wirkt, in Wahrheit aber nüchtern ist

Ich bin zwar noch nicht so alt, aber wohl alt genug, um mich noch daran zu erinnern, wie Werbung früher funktioniert hat. Da gab es keine Smartphones, ich hatte keine Social Media Accounts und Google steckte noch in den Kinderschuhen.

Früher war Werbung breit gestreut. Auf neue Filme wurde ich nur aufmerksam, wenn ich in der Innenstadt ein Kinoplakat gesehen habe oder zufällig im Free-TV ein Trailer lief.

Heute ist Werbung etwas völlig anderes. Sie ist verhaltensbasiert, kontextabhängig, ortsbezogen und geräteübergreifend.

Ich hatte das als Verdacht interpretiert, abgehört zu werden. Aber als ich den Fall im Nachhinein analysiert habe, stellte sich heraus: Es reicht eine simple Kombination aus IP-Korrelation, Standortmuster, Social-Graph-Analyse und Verhaltenswahrscheinlichkeiten.