Die Corona-App: Top oder Flop? Von Tracking, Wettstreit und Wunschdenken

Geschrieben von
Roger Klein
coronavirus

Eigentlich wollten wir, nicht nur rein thematisch, weg von der «Corona-Krise». Dennoch können wir die Augen nicht verschliessen — weder vor der unveränderten Bedrohungslage im Internet, noch vor den aktuellsten technischen Entwicklungen, gerade im Hinblick auf die Krise. Bestimmt hast auch du schon von der sogenannten Corona-App gehört. Die Neuigkeiten zur App im Entwicklungsstadium reissen nicht ab. Vielerorts wurde sie schon getestet und gar veröffentlicht — teilweise mit ernüchternden Ergebnissen.

Der Wettstreit um die Corona-App

Google und Apple befinden sich in Sachen App-Entwicklung in einem heftigen Wettkampf. Beide Konzerne veröffentlichten bereits ihre ersten Konzepte. Angeblich basiert die Entwicklung auf enger Zusammenarbeit — doch wer weiss, wie das endet, sobald das offizielle internationale Release ansteht?

Dabei macht eine Kooperation von Konkurrenten bei dieser App nicht nur Sinn, sie ist im Grunde unerlässlich. Denn ohne das Tracking und die Kommunikation der verschiedenen Betriebssysteme (iOS und Android) via Bluetooth hat die ganze Applikation keinen Nutzen.

Was genau soll die Corona-App tun? Über die Tracking-Technologie wird der Abstand von Smartphone-Nutzern zueinander gemessen — mittels der Signalstärke. Handelt es sich um einen mit dem Corona-Virus infizierten User, resultiert aus seinem Signal eine Art Warnmeldung an alle Personen in der Nähe.

Laut Pressemeldungen von Google und Apple soll die Corona-App Ende des Jahres zur Verfügung stehen — die Rede ist von rund zwei Milliarden potenzieller Geräte. Die für die Programmierung verwendeten Codes sollen ausserdem öffentlich sein. So hätten auch andere Anbieter eine vorgefertigte Basis, um eigene Apps zu entwickeln.

Das Tracking der Corona-App – ein Datenschutz-Problem?

Die Idee hinter der App klingt erst einmal vielversprechend. Wer wünscht sich nicht ein zuverlässiges Warnsystem vor dem unfreiwilligen Kontakt mit einer infizierten Person? Doch woher weiss die Corona-App überhaupt, dass ein Handy-Nutzer infiziert ist? Das ist eine äusserst sensible Personeninformation — im Gesundheitswesen stehen Patientendaten unter dem höchsten Schutz.

Laut den bis dato veröffentlichten Konzepten erfolgt der Signal-Austausch absolut anonym. Eine Nachverfolgung soll augenscheinlich nicht möglich sein. Keine gespeicherten Personendaten, nur der Fakt, ob besagter Handy-Nutzer positiv auf das Virus getestet wurde. Moment mal — woher genau kommt dann diese Verifizierung?

Theorie und Praxis gehen bei der Corona-App teilweise deutlich auseinander. Um zu verstehen, ob das Prinzip überhaupt funktionieren kann, ohne sensible Daten öffentlich zu machen, gehen wir in den Ländervergleich über.

Deutschland

Obwohl Virologen in Deutschland die Corona-App herbeisehnen, bleibt das bislang Wunschdenken. Kurz nach Ostern sollte die Applikation ins Release gehen — daraus wurde nichts. Eine weltweite Gruppierung von rund 300 Forschern verfasste eine Petition dagegen. Die Bundesregierung beauftragte daraufhin Deutsche Telekom und SAP mit einer neuen Eigenentwicklung.

Schweiz

Das ursprüngliche Konzept der Corona-App basiert auf einer europäischen Plattform namens «Pepp-PT». Über den Funkstandard «BLE» (Bluetooth Low Energy) werden Standortdaten anonymisiert und lokal auf dem jeweiligen Gerät gespeichert — keine zentrale Sammelstelle. In der Schweiz entbrannte Uneinigkeit über die Wahl eines zentralen oder dezentralen Systems. Beim zentralen Ansatz sammelt ein Server die Daten und gibt Warnmeldungen aus; beim dezentralen System kommunizieren die Smartphones direkt miteinander.

Da Pepp-PT ein zentrales System ist, sprangen die Schweizer Beteiligten vom Projekt ab — darunter Forscher der ETH Zürich. Auch der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé wandte sich vom Projekt ab. Anfangs noch aktiver Unterstützer, äusserte er zuletzt starkes Misstrauen gegenüber der Entscheidung für ein zentrales App-System.

Italien

Laut dem Regierungsbeauftragten Domenico Arcuri befindet sich eine Version der Corona-App in einigen italienischen Regionen bereits aktiv im Test. Italien gilt als eines der am stärksten betroffenen Länder — der Druck für ein zeitnahes Release ist entsprechend gross. Ein offizieller Beschluss des Bundeskabinetts in Rom gestattet den Einsatz der App. Wie stark der Datenschutz dabei gewichtet wird, bleibt unklar — in solch schweren Zeiten muss man vielleicht von mehreren Übeln das geringere wählen.

Südkorea

Was hierzulande in Sachen Datenschutz undenkbar wäre, ist in Südkorea beschlossene Sache. Eine eigene Corona-App gibt es zwar nicht, aber die Regierung nutzt Personendaten aus Mobilfunk und Bankwesen — etwa Kreditkarten-Daten — um das Virus zu verfolgen. Die rechtliche Grundlage dafür stammt noch aus der Zeit der Diktatur. Das Seuchenschutzgesetz ermöglicht den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Bürger, auch wenn es seither mehrfach erneuert wurde.

China

Ähnlich wie in Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist sowohl Nutzung als auch Datenfreigabe der Corona-App für die Bürger Pflicht. Das erschwert Debatten um den Datenschutz auf internationaler Ebene erheblich. Angenommen, durch die gespeicherten Daten sind Rückschlüsse auf andere Länder möglich, in denen ganz andere Datenschutzbestimmungen gelten — inwiefern dürfen die verschiedenen Geräte dann miteinander kommunizieren?

Australien

Die Corona-App ist in Australien bereits «online» — unter dem Namen «Covidsafe». Premierminister Scott Morrison erhoffte sich durch den frühzeitigen Einsatz Lockerungen bei gesetzlichen Einschränkungen wie Kontaktverboten. Ähnlich wie in Deutschland und der Schweiz fand das zentrale System jedoch wenig Anklang. Selbst Apple und Google wandern inzwischen ab von der zentralen Programmierung, sodass Australien vorerst alleine dasteht. Ein Umstieg von zentral auf dezentral ist nicht trivial — die aktuell im Umlauf befindliche App ist in Australien daher nahezu unbrauchbar.

Russland

In Moskau gibt es keine Corona-App zur Verfolgung der viralen Ausbreitung — sondern ein Modul zur strengen Überwachung von Personen in Quarantäne. Das «soziale Monitoring» greift nahezu alle Personendaten ab. Selbst Nichtbesitzer von Handys erhalten ein Leihgerät mit vorinstallierter App. Die permanente Standort-Ermittlung stellt sicher, dass niemand unerlaubt das Haus verlässt. Die App sendet ausserdem zufällige Nachrichten, die unverzüglich beantwortet werden müssen — andernfalls drohen Bussgeld oder Zwangsverlegung ins nächstgelegene Krankenhaus.

Sinn und Zweck der Corona-App nach wie vor umstritten

Wie du siehst, gibt es nach wie vor nicht «die» Corona-App, sondern verschiedene Versionen davon. Vielleicht erinnerst du dich auch an unseren Beitrag über Open Source. Schenkt man den Zielen von Apple und Google Glauben, steht der fertige App-Code irgendwann der ganzen Welt zur Verfügung — einerseits lobenswert, andererseits verbunden mit neuen Risiken.

Wie viel Sinn macht eine Corona-App, wenn am Ende keine Nutzer existieren, aus deren Daten entsprechende Rückschlüsse möglich sind? Muss der Einsatz freiwillig bleiben, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren? Sind Personendaten auch dann noch anonym, wenn sie etwa von einem Gesundheitsamt verschlüsselt weitergegeben werden? Und sorgt eine Warnmeldung über eine infizierte Person in der Nähe nicht vielleicht eher für unnötige Panikmache?

Die Diskussionen — nicht nur politischer Natur — sind nach wie vor gross. Bei aller Uneinigkeit sollten wir jedoch im Blick behalten, dass es vorrangig darum geht, die Krise zu bewältigen. Für alle noch so strikten Regelungen, auch den Datenschutz, gibt es sowohl feste gesetzliche Normen als auch definierte Ausnahmen.

Wir sind jedenfalls gespannt, ob Google, Apple oder wer auch immer unter Beachtung all dieser Aspekte eine Corona-App entwickeln, mit der alle Nutzer gleichermassen leben können.

Tags: AppVergleich
Über die Autor:in

Roger Klein

Geschäftsführer dataloft GmbH. WordPress seit Version 3, Frauenfeld. Verantwortet bei dataloft Strategie, Architektur und KI-Integration. Baut mit Mattes und Elena rundum.dog, die grösste deutschsprachige Hunde-Wissensplattform.

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