Das Schweizer Unternehmen Swisswindows AG wurde Opfer eines Hacker-Angriffs mit einem VerschlĂŒsselungs-Trojaner und ĂŒberlebte die Folgen nicht. Das Computersystem des Betriebes wurde im Mai 2019 durch die Ransomware Ryuk infiziert und meldete am 26. Februar 2020 Insolvenz an. Der kriminelle Akt kostete 170 Mitarbeitenden den Arbeitsplatz.
Der inhabergefĂŒhrte Fensterbauer verwies auf eine ĂŒber hundertjĂ€hrige Geschichte. Ursprung des heutigen Unternehmens war eine 1912 gegrĂŒndete Schreinerei. Sie fusionierte 2009 mit zwei weiteren Unternehmen zur Swisswindows AG. Kunden schĂ€tzten die Firma als Produzent hochwertiger Fenster. Zur Produktpalette gehörten ebenfalls moderne TĂŒrsysteme. Unternehmenssitz war Mörschwil im Kanton St. Gallen. Der alteingesessene Fensterbauer hatte weitere Produktionsstandorte in MĂŒllheim und HĂ€rkingen.
Schon frĂŒher Schwierigkeiten
Swisswindows hatte örtlichen Medienberichten zufolge seit einiger Zeit gegen wirtschaftliche Probleme zu kĂ€mpfen. Viele Konkurrenten verlagerten die Produktion ins gĂŒnstigere Ausland. Die Swisswindows-GeschĂ€ftsfĂŒhrung hielt dagegen an den Schweizer Standorten fest. Bis 2014 beschĂ€ftigte der Betrieb 350 Mitarbeitende. Dann kam es zu einer ersten Entlassungswelle.
Trotz des harten Wettbewerbs gelang es den Managern, den Betrieb als einen der grössten Fensterhersteller in der Schweiz zu etablieren. Die AuftragsbĂŒcher waren voll. Nichts deutete auf eine Pleite hin.
Ransomware Ryuk gibt dem Schweizer Fensterbauer den Rest
Im Mai 2019 wurde alles anders. Das Unternehmen erlitt einen Produktionsausfall von mehr als einem Monat. Grund war ein Cyberangriff, der den VerschlĂŒsselungs-Trojaner Ryuk ins Computernetz schleuste. Die Ransomware verschaffte sich Zugang zum Firmennetzwerk und verschlĂŒsselte alle Daten. FĂŒr die Freigabe verlangen Cyber-Kriminelle in solchen FĂ€llen hohe Lösegeld-Summen.
Mit einem Schlag stand die Firma ohne Daten da. Das Fensterbauprogramm war komplett verschlĂŒsselt. Alle AuftrĂ€ge waren nicht mehr einsehbar. Die Mitarbeitenden hatten keinen Zugriff auf Kunden- und Maschinendaten. Das Unternehmen stand still. Eine externe IT-Firma fĂŒhrte zwar tĂ€glich Datensicherungen durch. Die Sicherungsdateien hingen aber am Firmenserver und waren dadurch ebenfalls unbrauchbar.
Die Erpresser nutzten aus, dass die Produktion vollstĂ€ndig vernetzt ablief. FĂŒr die Schweizer Fensterbauer hiess das: keine einzige Maschine lief mehr. Danach folgte die ĂŒbliche Masche â das Unternehmen erhielt Bitcoin-Forderungen. Gegen Zahlung eines Lösegelds versprachen die TĂ€ter, die Daten freizuschalten. Das Management entschied sich, nicht zu zahlen, und plante die Mittel lieber in den sowieso nötigen Austausch der IT-Infrastruktur zu stecken.
Wirtschaftliche Folgen wurden existenziell
Die wirtschaftlichen Folgen waren anfangs wohl nur teilweise absehbar. Nach Angaben des Managements sprang aufgrund der Ereignisse ein Investor ab. AuftrĂ€ge liessen sich nicht mehr termingerecht ausfĂŒhren, was zu empfindlichen Vertragsstrafen fĂŒhrte. Ein allgemeines Chaos entstand, weil die Mitarbeitenden keinen Zugriff auf TerminplĂ€ne hatten. AuftrĂ€ge und Rechnungen suchten sie in Papierform zusammen.
Das Management sah sich bis zu dem Vorfall gut gegen Cyberattacken gewappnet. GeschĂ€ftsfĂŒhrer NeĆĄa Meta sagte, das Bewusstsein fĂŒr die Gefahr durch Angriffe aus dem Internet sei in der Schweiz zu gering. So etwas könne ein ganzes Unternehmen zerstören.
Der Verwaltungsrat begrĂŒndete die Insolvenz ebenfalls mit dem Cyberangriff. Das Unternehmen hatte demnach seit zwei Jahren erfolgreich an einem Sanierungsplan gearbeitet. Die Cyberattacke wurde zum nicht mehr verkraftbaren RĂŒckschlag fĂŒr das Traditionsunternehmen.
E-Mail mit Folgen
Wahrscheinlich hat eine unscheinbare E-Mail den Fensterbauer in den Ruin gestĂŒrzt. Eine Geschichte, aus der sich einiges lernen lĂ€sst. Schadsoftware gelangt nicht selten als Anhang unscheinbar aussehender E-Mails auf das Computersystem. Wer den Anhang anklickt, hat meist verloren.
HĂ€ufig verstecken sich die SchĂ€dlinge in einem Word-Dokument. Ryuk kommt dabei selten allein â es taucht meist als Teil eines mehrstufigen Angriffs auf. Mit dem Klick auf das Dokument aktiviert der Nutzer zunĂ€chst einen SchĂ€dling namens Emotet. Die US-Behörde fĂŒr Computersicherheit bezeichnet ihn als das zerstörerischste Schadprogramm der Welt â und als eines der kostenintensivsten.
AusspÀhen des Opfers
Emotet ist vor allem Transporteur fĂŒr weitere SchĂ€dlinge. Das Programm rollt zusĂ€tzliche Komponenten aus, die den Angriff gefĂ€hrlich machen. ZunĂ€chst kommt Trickbot zum Einsatz. FrĂŒher ein reiner Banking-Trojaner, leistet die neueste Version diverse Spionagedienste: Das Tool liest Zugangsdaten aus Webbrowsern und E-Mail-Programmen aus. Ausserdem verankert Trickbot die Schadsoftware im Netzwerk â ĂŒber SicherheitslĂŒcken in Windows, die frĂŒher nur Nachrichtendienste nutzten. Besonders fatal ist die FĂ€higkeit, die Antivirensoftware unbemerkt abzuschalten. Trickbot versucht, Administratorrechte zu erlangen, und setzt in der Windows-Registry einen SchlĂŒssel, der Passwörter im Klartext abgreift.
Danach kundschaftet Trickbot Systeminformationen aus und analysiert das Netzwerk. Alle gesammelten Daten landen auf einem Server der TĂ€ter. Dort wird ausgewertet, ob sich ein Angriff finanziell lohnt.
Mit Ryuk saugen die Erpresser ihr Opfer aus.
Die nĂ€chste Eskalationsstufe lĂ€sst sich meist etwas Zeit. Die TĂ€ter sammeln weitere Informationen ĂŒber das potenzielle Opfer, das vom Angriff in der Regel nichts mitbekommt. Bei zahlungskrĂ€ftigen Zielen rollen sie die Ransomware Ryuk aus. Die Software verschlĂŒsselt die Daten, legt einen Grossteil der IT-Infrastruktur lahm, platziert sich auf einem Dateiserver und kopiert sich auf alle anderen Systeme. Betroffene erhalten dann eine Nachricht: wie viel Lösegeld zu zahlen ist, um die Daten zurĂŒckzubekommen.
Eine Schwachstelle des SchlĂŒssels ist bisher nicht bekannt. Ohne den passenden SchlĂŒssel ist die Wiederherstellung der Daten nicht möglich. Umso wichtiger ist es, solchen Angriffen von vornherein vorzubeugen.
Gewappnet gegen CyberkriminalitÀt
Bekannte Schwachstellen mĂŒssen geschlossen werden â das ist die Grundvoraussetzung, um Angriffe abzuwehren. Alle Sicherheitsupdates gehören zeitnah eingespielt. System-Backups sind entscheidend, um nach einem Befall Systeme und Daten wiederherzustellen. Sie nĂŒtzen aber nichts, wenn sie ins Netzwerk eingebunden sind â dann werden sie bei einem Angriff ebenfalls verschlĂŒsselt. Backup-Daten mĂŒssen offline aufbewahrt werden. System-Administratoren sollten auf eine saubere Netzwerksegmentierung und eine strikte Rechtetrennung in der Active Directory achten. Lokale Administrator-Konten mit identischen Passwörtern ĂŒber mehrere Systeme hinweg erleichtern Angreifern die Arbeit erheblich â und sollten vermieden werden.