User-Experience: UX-Testing im Guerilla-Style

Geschrieben von
Roger Klein
UX Design auf Papier mit iMac

Das Nutzererlebnis von Websites oder Apps zu testen, ist oft aufwendig. Muss es aber nicht sein — kleine Tests schlagen keine Tests. Vor allem wenn sie schlank, schnell und agil sind. Ein Blick auf die schlagkräftige Taktik des Guerilla-UX-Testing.

„Klar wären Nutzertests gut, aber dafür haben wir kein Geld und keine Zeit.“ Diesen Satz hört man noch immer — selbst in Unternehmen, die von nutzerorientiertem Design überzeugt sind. Der Aufwand klassischer Tests schreckt ab. Also werden wichtige strategische Entscheidungen auf Basis begründeter Vermutungen getroffen. Dabei gibt es Guerilla-UX-Testing: Nutzertests mit überschaubarem Aufwand und kleinem Budget, die trotzdem hilfreiche Erkenntnisse über das Nutzungserlebnis (User-Experience) und die Nutzbarkeit (Usability) liefern. Der Usability-Experte Jakob Nielsen prägte dafür 1989 den Begriff Discount-Usability-Testing. Heute liegt der Fokus nicht mehr nur auf der Nutzbarkeit, sondern auf dem ganzheitlichen Nutzungserlebnis — daher hat sich in den letzten Jahren die Bezeichnung Guerilla-UX-Testing eingebürgert. Nielsen ist davon überzeugt, dass es „oft bessere Ergebnisse liefert als Deluxe-Usability-Testing, weil die Methoden ihren Schwerpunkt auf eine frühe und schnelle Iteration mit einem regelmässigen Input der Nutzer legen“.

Der Trick: Wer Guerilla-UX-Testing anwendet, senkt den Aufwand für Auswahl, Durchführung und Analyse so weit, dass er die Tests häufig wiederholen kann — ohne auf valide Ergebnisse verzichten zu müssen. Guerilla-UX-Testing eignet sich für Produkte oder Services, die kein tiefes Spezialwissen erfordern und eine breite Zielgruppe ansprechen. Die App für den öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel, oder das Navi im Auto.

Manchmal braucht es klassische Tests im Labor oder andere wissenschaftliche Verfahren — etwa wenn die Zielgruppe an öffentlichen Orten schwer erreichbar ist oder externe Einflüsse minimiert werden sollen. Ausserdem ermöglichen Guerilla-UX-Tests keine verallgemeinerbaren Aussagen und keine aufwendigen Testverfahren; dazu sind die Bedingungen nicht kontrolliert genug. Viele Unternehmen brauchen das aber auch gar nicht. Sie wollen ihre Produkte verbessern. Ihre Alternative wäre, gar nicht zu testen. Dann ist Guerilla-UX-Testing genau das Richtige.

Der Zielgruppe auf der Spur

Anders als bei klassischen Nutzertests werden beim Guerilla-UX-Testing die Testpersonen nicht im Vorfeld rekrutiert. Stattdessen spricht man einzelne Menschen direkt an — oder sorgt mit auffälliger Kleidung, Schildern oder Accessoires dafür, dass Menschen neugierig werden und von sich aus teilnehmen wollen. Das reduziert den Rekrutierungsaufwand enorm und ermöglicht mehr Tests in kürzerer Zeit.

Die grosse Herausforderung: Menschen aus der anvisierten Nutzergruppe erkennen. Beim Rekrutieren kann man gezielt suchen; beim Guerilla-UX-Testing bleibt nur eine Handvoll Fragen im kurzen Gespräch. Je spezialisierter die Zielgruppe (etwa Fachleute oder Manager), umso schwieriger. Abmildern lässt sich das mit der Wahl des richtigen Orts: Fitnessstudio, Fussgängerzone, Veranstaltung oder Netzwerktreffen — je nachdem, wo man Mitglieder der Zielgruppe am ehesten antrifft. Orte mit vielen Menschen in entspannter Atmosphäre empfehlen sich dabei besonders.

Ziel Beschreibung Material
Ideen explorieren erste Lösungsideen testen, grundlegende Probleme finden Mockups, Entwürfe
Ideen validieren spezifische, typische Handlungen simulieren funktionale Prototypen
Produkte validieren finale Version testen, Qualitätskontrolle, Zielerreichung prüfen fertige oder nahezu fertige Version
Produkte vergleichen mehrere Lösungsmöglichkeiten vergleichen (etwa verschiedene Ideen oder Wettbewerber) Mockups, Entwürfe, funktionale Prototypen oder fertige Versionen
Produkte weiterentwickeln kontinuierliche Verbesserungen, Anpassungen an Marktveränderungen marktreifes Produkt

Zu Beginn des Gesprächs stellen die Tester die Studie vor und bitten schriftlich um das Einverständnis der Teilnehmenden — zur Aufzeichnung oder anderweitigen Dokumentation (mehr dazu weiter unten). Wichtig ist, dass alle Beteiligten verstehen, was sie erwartet: Das Produkt oder der Service wird getestet, nicht die Person. Auch beim Guerilla-UX-Testing gelten ethische Standards. Testpersonen müssen jederzeit Aufgaben ablehnen oder den Test abbrechen können. Und eine kleine Aufmerksamkeit für Zeit und Einsatz gehört dazu.

15 Minuten müssen reichen

Guerilla-UX-Tests decken meist Schwachstellen auf und zeigen Verbesserungspotenziale — sogenannte formative Tests. Dazu bereiten die Organisatoren das Testmaterial vor. Je nach Interesse und Entwicklungsstand kommen unterschiedliche Materialien infrage, wie die Tabelle oben zeigt. Wegen seines lockeren Charakters eignet sich Guerilla-UX-Testing besonders gut für erste Papierprototypen und Entwürfe.

Dann geht es an die Planung der Sessions. Während Usability-Studien im Labor gerne 45 Minuten oder länger dauern, sollten Guerilla-UX-Tests nicht mehr als zehn bis 15 Minuten beanspruchen. Besser: auf wenige Bereiche konzentrieren und häufig wiederholen. Meistens löst der Proband bestimmte Aufgaben. Diese sollten das Produkt gut abbilden und zum Erkenntnisinteresse passen — kurz und einfach beschrieben, nie suggestiv formuliert. Zu Beginn gibt es oft eine offene Aufgabe, bei der sich die Testpersonen frei auf der Startseite bewegen und einen ersten Überblick gewinnen. Das zeigt, wie sich Besucher orientieren und ob sie verstehen, worum es bei einem Produkt überhaupt geht. Ausserdem sollte man die Teilnehmenden bitten, laut zu denken während sie die Aufgaben lösen. Die Methode des lauten Denkens ist ein wesentlicher und aufschlussreicher Bestandteil von Nutzertests.

Zu einem Guerilla-UX-Test gehört auch ein ordentliches Abschlussgespräch — das Debriefing. Oft fallen den Forschern während des Tests Dinge auf, die sie am Ende noch einmal ansprechen wollen. Und es lohnt sich, auf beobachtete Emotionen und Gedanken der Probanden einzugehen: Nicht selten liefert das wertvolle Informationen zur Interpretation der Ereignisse. Im Debriefing sollten die Teilnehmenden auch die Gelegenheit haben, ihre eigenen Fragen zu stellen. Hat eine Aufgabe sie verwirrt, ist jetzt der richtige Moment, um die Irritation aufzulösen — mit dem Hinweis, dass das Unternehmen das Produkt an dieser Stelle verbessern wird. Nutzer irren niemals.

Wie viele Testpersonen sollten es sein?

Eine naheliegende Frage: Wie viele Tests braucht man eigentlich? Man testet tendenziell so lange, bis man den Eindruck hat, die meisten Aspekte gesehen zu haben — ein gutes Indiz ist, wenn man bei identischen Tests mehrmals in Folge kaum noch etwas Neues entdeckt. Natürlich gibt es Faustregeln, etwa die bekannte Empfehlung Jakob Nielsens, dass Tests mit fünf Nutzern ausreichen, um 85 Prozent der Usability-Probleme zu finden. Allerdings hängt die Zahl stark davon ab, was genau getestet wird. Es gibt Untersuchungen, die gerade bei Websites eine deutlich geringere Entdeckungsrate fanden. Wer es genauer wissen möchte: Im Buch „Quantifying the User Experience“ von Jeff Sauro und James Lewis stehen die nötigen Details.

Letztlich ist die Teilnehmerzahl bei Guerilla-UX-Tests nicht das Entscheidende. Ein Test mit wenigen oder sogar nur einem Nutzer ist besser als keiner. Erfahrungsgemäss findet man immer ein User-Experience-Problem, das man noch nicht kannte. Gerade beim Testen geschäftskritischer Bereiche zahlt sich Guerilla-UX-Testing daher schnell aus.

Guerilla UX-Testing Zielmatrix
Mithilfe einer Zielmatrix lässt sich schnell bestimmen, welche Probleme
zuerst bearbeitet werden sollten. (Grafik: Björn Rohles)

Dazu kommt: Die Teilnehmerzahl präzise zu planen ist vor allem dann wichtig, wenn es wirklich nur eine einzige, in sich geschlossene Untersuchung geben soll. Guerilla-UX-Testing dagegen will den Aufwand einzelner Tests so weit senken, dass man immer wieder neu testen kann. Im Businessumfeld sollen Nutzertests kein Produkt auf einen Schlag von allen Schwachstellen befreien — sie sollen es verbessern. Entscheidend ist nicht, wie viele Probleme man auf einmal findet, sondern dass man die häufigsten entdeckt, an Lösungen arbeitet, weiter testet und mit der Zeit mehr Schwachstellen beseitigt. Es geht um eine Testkultur, bei der man nah an den Erlebnissen der Nutzer arbeitet. Kurz: Lieber mehrere Runden mit wenigen Nutzern als ein einziger grosser Test — vorausgesetzt, man arbeitet dazwischen wirklich iterativ an Lösungen.

Beobachten und Auswerten

Ob Guerilla oder nicht: Nutzertests sind nur dann sinnvoll, wenn man anschliessend mit den Ergebnissen arbeitet. Das heisst: wichtigste Aspekte aufgreifen, neue Lösungen erstellen, erneut testen. Wie sichert man die Ergebnisse für die Analyse? Im Labor zeichnen Unternehmen die Sessions auf — meist mit Screenrecording, Videoaufnahme des Gesichts und den Aussagen beim lauten Denken. Sofern die Testpersonen einverstanden sind, geht das beim Guerilla-UX-Testing genauso. Programme wie die Mac-Anwendung Silverback (39 US-Dollar) oder Screencapturing kombiniert mit der Smartphonekamera helfen dabei.

Mindestens genauso wichtig sind Beobachtungen während der Tests. Am besten überlegt man sich schon vorher, was von besonderem Interesse ist, und legt einen Beobachtungsbogen an. Eine solche Vorlage sammelt Felder für alle relevanten Stellen auf einer Seite: wohin ein Teilnehmer klickt, welche Probleme auftauchen, welche Emotionen sichtbar werden, auffällige Aussagen. Der Bogen sollte möglichst viele Details abdecken, aber trotzdem übersichtlich bleiben. Gelingt der Spagat, hat er mehrere Vorteile: Er dient als Gedächtnisstütze für das Debriefing und hilft, sich bei der Analyse auf das Wesentliche zu konzentrieren. Mit etwas Übung lässt sich ein Teil der Analyse sogar während der Tests erledigen — vor allem wenn zwei Testmitarbeitende dabei sind und einer das Gespräch führt, während der andere den Bogen ausfüllt.

Guerilla-Tests auswerten

Die Auswertung filtert heraus, wo Verbesserungen am meisten bringen. Das sind typischerweise User-Experience-Probleme — manchmal aber auch positive Aspekte, die man weiter ausbauen will. Dazu notieren sich alle Beteiligten auffällige Ereignisse: Äusserungen beim lauten Denken, handfeste Probleme bei der Interaktion, emotionale Reaktionen. Diese Momente — sogenannte „Critical Incidents“ — werden nach Abschluss der Sessions zu User-Experience-Problemen zusammengefasst. Ein Problem zeigt sich oft mit verschiedenen Symptomen. Ausserdem lohnt es sich festzuhalten, wie oft ein Problem aufgetreten ist und wie gravierend es sich ausgewirkt hat.

Am Ende enthält die Liste meistens mehr Probleme, als ein Unternehmen auf einmal angehen kann. Deshalb kommen die Teammitglieder zusammen, diskutieren ihre Beobachtungen, schreiben alle Probleme auf Post-its und ordnen sie in einer Matrix mit den zwei Achsen „wichtig“ und „machbar“ an. So zeigt sich schnell, wo die vielversprechendsten Verbesserungspotenziale liegen.

Was Guerilla-UX-Testing leistet — und was nicht

Guerilla-UX-Testing kann zu wertvollen Einsichten beim Nutzungserlebnis führen. Richtig angewendet versetzt die kostengünstige Methode Unternehmen in die Lage, ihre Produkte oder Services schnell spürbar zu verbessern. Ein gutes User-Experience-Design umfasst aber sehr viel mehr als nur Tests. Guerilla-UX-Testing ist also ein wirksames Werkzeug — kein vollständiger Ersatz.

Gefunden auf: https://t3n.de/magazin/user-experience-ux-testing-im-247978/

Tags: KennzahlenProjektmanagementReviews & Tests
Über die Autor:in

Roger Klein

Geschäftsführer dataloft GmbH. WordPress seit Version 3, Frauenfeld. Verantwortet bei dataloft Strategie, Architektur und KI-Integration. Baut mit Mattes und Elena rundum.dog, die grösste deutschsprachige Hunde-Wissensplattform.

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