Haben erneut gesetzestreue Sicherheitsspezialisten die Seite gewechselt und sind zu feindlichen Hackern geworden? Es sieht zumindest danach aus, wenn wir den Newcomer in Sachen Wiper-Malware betrachten. Unterschrieben von der Person Vitali Kremez oder dem Firmennamen MalwareHunterTeam erscheinen nach einem erfolgten Hack seltsame Meldungen statt des gewohnten Startbildschirms auf dem Monitor.
Wiper-Malware: Meister der Zerstörung
Sie ist innerhalb der Ransomware eine Klasse fĂŒr sich. Viele Vertreter kennen wir bereits: Da wĂ€ren der Trojaner Emotet, Erpresser Ryuk oder Banking-Virus Trickbot. Oft sind sie eng miteinander verwoben und agieren gemeinsam. Auch Wiper treten nicht zwangslĂ€ufig allein auf. Obwohl die meisten Beispiele enge Gemeinsamkeiten aufweisen, stufen wir Wiper-Malware als am gefĂ€hrlichsten ein. Denn dieser SchĂ€dling hat es nicht nur auf den Datendiebstahl abgesehen â er will die Festplatte komplett zerstören.
Mit der Ăbersetzung «Wischer» klingt der Begriff erst einmal wenig bedrohlich. Gibst du «Wiper» in die Google-Suche ein, bekommst du zuallererst Treffer fĂŒr MĂ€hroboter und eine amerikanische Punkband. Scrollst du etwas weiter nach unten, findest du das, wovon wir heute sprechen: Hacker-Tools zur Datenlöschung.
Bei den besagten zwei Vertretern der Wiper-Malware handelt es sich um Angreifer, die den Master Boot Record (MBR) zum Ziel haben. Speichermedien werden infiziert und ĂŒber eine Art Scheibenwischmechanismus ĂŒberschrieben â im schlimmsten Fall bis zur vollstĂ€ndigen Löschung. Dabei verwischt nicht nur der Schmutz (der wahre Verursacher bleibt im Dunkeln), auch vertraute Dateien werden mit neuen Bildern oder Texten ĂŒberlagert.
Wiper-Malware: Segeln unter falscher Flagge
Die angeblichen Urheber Vitali Kremez und MalwareHunterTeam hinterlassen auf dem infizierten Rechner Botschaften. In einer heisst es beispielsweise nicht gerade freundlich «I infected your stupid PC, you idiot». Gleichzeitig bietet sie einen Ansprechpartner fĂŒr das Problem unter «write me in Twitter … /malwrhunterteam» und ist namentlich unterzeichnet.
Tatsache ist allerdings, dass weder Herr Kremez noch das genannte Team irgendetwas mit diesen Nachrichten zu tun haben. Wer die Beiden nicht kennt: Vitali Kremez ist Leiter des Unternehmens «Sentinel Labs» und auf die Investigation von CyberkriminalitĂ€t spezialisiert. Nach seiner frĂŒheren Karriere beim New Yorker Department ist er auch heute noch ein ehrenvoller Vertreter der IT-Security-Branche. Seine Firma besitzt eine starke Stimme unter den «BedrohungsjĂ€gern» der Branche.
Das MalwareHunterTeam bildet quasi eine gegnerische Partei der Hacker-Bösewichte: Es betreibt unter anderem den Service «ID Ransomware», mit dem Trojaner identifiziert und nach Möglichkeit beseitigt werden können.
False Flag Operations
Schon wieder ein Begriff, der uns im Zusammenhang mit Wiper-Malware begegnet. Eigentlich stammt er aus der Seefahrt und gilt fĂŒr geschickte TĂ€uschungsmanöver und verdeckte Operationen bei MilitĂ€r und Geheimdienst. Alle Aktionen werden einem Dritten zugeschrieben â der meist ĂŒberhaupt nichts davon weiss â beziehungsweise in seinem Namen publiziert. Man schiebt jemand anderem die Schuld in die Schuhe. Ăhnlich den Fake News dient die Strategie vorrangig der Verbreitung von Fehlinformationen.
Der Master Boot Record: Sektor und Kern des Geschehens
Befassen wir uns damit, warum Wiper-Malware so gefÀhrlich ist und was sie genau tut. Angriffspunkt ist der MBR. Er ist der erste Sektor eines jeden Speichermediums, also auch der Festplatte. Jeder MBR enthÀlt zwei wesentliche Dinge: das Startprogramm und eine Partitionstabelle. Ohne MBR ist ein DatentrÀger nicht startfÀhig.
Laienhaft umschrieben sorgt das Startprogramm fĂŒr den erfolgreichen Start des Betriebssystems. Die Partitionstabelle liefert dabei die Informationen ĂŒber die Aufteilung des Datenspeichers. Auf den meisten gĂ€ngigen Speichermedien lassen sich mehrere Partitionen erstellen. Sie sind voneinander unabhĂ€ngig und ĂŒberlappen sich nicht â mit Ausnahmen.
Wiper-Malware kann sowohl das Startprogramm als auch einzelne Partitionstabellen infizieren. Ist eine Tabelle fehlerhaft oder fehlt ganz, kann sie nicht korrekt gelesen und damit auch nicht geladen werden. Das Startprogramm ist gesperrt, Windows taucht gar nicht erst auf. Allem voran steht die Firmware BIOS, die alle im PC verbauten Hardwarekomponenten verbindet. Ist ein Rechner mit MBR-Malware infiziert, kommt man nicht ĂŒber den BIOS-Bildschirm hinaus.
Geschmacklose Scherze
Weder die Betitelung als Idiot noch die Forderung, den Angreifer zu kontaktieren, sind höfliche Druckmittel. Schon in der Vergangenheit gab es unzÀhlige weitere Arten, Wiper-Malware bildlich oder textuell zu gestalten. 2012 wanderte zum Beispiel das Bild einer brennenden US-Flagge an Stelle des Startbildschirms. Auch das Foto des zweijÀhrigen Alan Kurdi, der auf der Flucht aus Syrien ertrunken ist, bewegte sich 2016 weit abseits jeglicher Moral. Hintergrund dieser beiden Beispiele bildeten die Malware «Shamoon» und «Flame».
2017 riss die Bedrohung lange nicht ab. Nicht nur in der Ukraine machte sich «Petya» einen traurigen Namen. Wie artverwandte Wiper hat sie Starttabellen des MBR verschlĂŒsselt und mittels Meldungen ein Lösegeld gefordert â auch nach Zahlung wurden die DatenverschlĂŒsselungen nicht rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Was Petya so geschmacklos machte: Die NamensĂŒbersetzung aus dem Russischen steht fĂŒr den verniedlichten Kosenamen «Peterlein».
Noch heute kursieren viele Wiper-Varianten. Nicht einmal Petya ist endgĂŒltig gebannt. Er entwickelt sich stetig weiter â neben dem Original zĂ€hlen wir mindestens vier Abkömmlinge. Die erste Variante zeigt einen roten Totenkopf auf dem Startbildschirm. Wenig kreativ kam spĂ€ter ein grĂŒner Totenkopf hinzu, Petya fand mit «Mischa» UnterstĂŒtzung. «Goldeneye» ist ein weiterer von vielen Wipern, die unverĂ€ndert gefĂ€hrlich sind.
Nicht zu fachlich – Praxistipps gegen Wiper-Malware
Irgendwie muss sie ja ĂŒberhaupt erst auf den Computer gelangen, um aktiv zu werden. Zur akuten Bedrohung durch den falschen Vitali Kremez / MalwareHunterTeam ist noch nicht ausreichend bekannt â weder zum Umfang noch dazu, wie er sich tarnt. Aber aus Vergangenem lĂ€sst sich einiges ableiten.
Petya wurde bevorzugt ĂŒber E-Mail-AnhĂ€nge ĂŒbertragen. Unternehmen öffneten arglos geschickt als Bewerbungsschreiben getarnte Dateien â und schon ĂŒbernahm der Wiper den MBR. Nach wie vor gibt es mehrstufige Tarnungen: Ein Dropbox-Link gibt einen falschen Betreff vor, die Datei zum Download ist kein PDF, sondern ein eigenstĂ€ndiges Programm.
Die Tipps im Detail
- Beim Anbieter ID Ransomware kannst du verdĂ€chtige Dateien hochladen â unabhĂ€ngig davon, ob du sie selbst öffnen kannst (manchmal kommen sie bereits verschlĂŒsselt an). Du erfĂ€hrst, ob die erhaltene Datei Malware enthĂ€lt.
- Auf derselben Website kannst du alternativ direkt die E-Mail-Adresse eingeben, von der die Datei stammt. Das Eingabefeld eignet sich genauso dafĂŒr, angebliche Kontaktdaten von Erpressern zu prĂŒfen.
- Besser Vorsicht als Nachsehen: Erstelle einen SystemreparaturdatentrÀger. In der Systemsteuerung findest du auch die Option, ein Systemwiederherstellungsabbild zu speichern.
- Auch die ursprĂŒngliche Betriebssystem-Installations-CD kann helfen. Sie ist genauso Notfallsystem wie der DatentrĂ€ger unter Punkt 3.
- Mit sogenannten MBRLockern soll es möglich sein, den infizierten MBR zu «ersetzen» und ein geschĂŒtztes Backup zu erstellen. Das sollte allerdings IT-Spezialisten vorbehalten bleiben â und ist mit grosser Vorsicht zu geniessen. Ausserdem kann es schwierig sein, unter der Vielzahl an Angeboten seriöse Software auszumachen.
- In AusnahmefÀllen gab es bestimmte Tastenkombinationen, um den MBR wiederherzustellen oder den Computer zum Start zu zwingen. Auch hier gilt: Nicht zu riskant experimentieren, um am Ende mehr Schaden als Nutzen anzurichten.
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