Erpressungstrojaner können heute wesentlich mehr als nur Daten verschlĂŒsseln. IT-Sicherheitsexperten stiessen auf eine neuartige Ransomware, die ganze Industriebetriebe lahmlegen kann. Der Trojaner „Ekans“ verschlĂŒsselt nicht nur Daten, sondern greift die Steuerung von Industrieanlagen direkt an.
Das Sicherheitsunternehmen Dragos hat sich auf die Erkennung von SicherheitslĂŒcken in Industrieanlagen spezialisiert. Die Experten fanden den Trojaner â er weist ein neues Ausmass an Erpressungspotenzial auf. Wie bei Ransomware ĂŒblich, verschlĂŒsselt Ekans Daten und fordert Lösegeld fĂŒr die Freigabe. Neu ist der Hebel dahinter: Die Angreifer können zur Untermauerung ihrer Forderung ganze Industrieanlagen stilllegen.
Die Entdeckung des Trojaners
IT-Sicherheitsforscher entdeckten „Ekans“ erstmals Ende 2019. Der Trojaner tauchte auch unter dem Namen „Snake“ auf â Snake rĂŒckwĂ€rts ergibt Ekans. Bei der Analyse stellten die Experten Prozesse fest, die industrielle Steuerungssysteme (ICS) direkt angreifen. Die Malware ist darauf ausgelegt, ganze ProzessablĂ€ufe zu beenden. Das ist ein Einschnitt: Bisher entwickelten Hacker nur selten Code, der die Verbindung zwischen dem digitalen und dem physischen Teil einer Anlage ĂŒbernimmt.
Ganz neu ist der Ansatz trotzdem nicht. Im Iran zerstörte Malware Zentrifugen zur Urananreicherung. Die Ukraine erlebte ein Schadprogramm, das einen Stromausfall auslöste. Bei Ekans gehen Sicherheitsspezialisten davon aus, dass die Entwickler industrielle Steuerungssysteme sehr gut kennen.
Der Trojaner Ekans
Forscher gehen davon aus, dass die Entwickler Ekans gezielt fĂŒr industrielle Steuerungssysteme programmierten. Einsetzbar ist die Ransomware in vielen Branchen â bei Ălraffinerien, in Stromnetzen oder bei Produktionsanlagen. Befallene Computer werden verschlĂŒsselt, die Opfer erhalten einen Hinweis mit der Lösegeldforderung.
Den Druck erhöht der Trojaner auf eine zweite Art: Er kann 64 Softwareprozesse beenden, darunter viele, die auf industrielle Steuerungselemente einwirken. Die Kommunikation zwischen Steuerprogrammen und Industrieanlagen bricht zusammen. IT-Experten stufen die Funktionsweise zwar als simpel ein â der Schaden kann trotzdem immens sein. Ălleitungen oder Industrieroboter lassen sich nicht mehr aus der Ferne kontrollieren, die Ăberwachung der Infrastruktur fĂ€llt aus.
Sicherheitsexperten vermuten, dass Ekans eine Weiterentwicklung von Megacortex ist â dem ersten Erpressungstrojaner, der industrielle Prozesse abschalten konnte. Ekans steht vermutlich noch am Anfang seiner Entwicklung; weitere Prozesse dĂŒrften hinzukommen. Megacortex betrieb sein zerstörerisches Werk mit mehr als 1.000 Modulen.
Eine erfolgreiche Attacke ist fĂŒr die Opfer verheerend. Auch wenn der Aufbau simpel wirkt: Ekans erlaubt es den Erpressern, Teile industrieller Steuerungssysteme zu ĂŒbernehmen und damit den Druck auf die Opfer massiv zu erhöhen. Wie sich Ekans genau im Netzwerk verbreitet, ist noch nicht bekannt. Laut Untersuchungen von Dragos gab es bisher keinen erfolgreichen Angriff auf eine Industrieanlage.
Neue QualitÀt bei Ekans erkennbar
Ransomware gegen Industrieanlagen ist nicht neu. Ekans zeigt aber gefĂ€hrliche neue Eigenschaften. Unter den Prozessen, die der Trojaner beendet, findet sich auch ein Programm fĂŒr die Datenhistorie â es zeichnet Betriebsinformationen industrieller Systeme auf, einschliesslich des Kontrollmechanismus fĂŒr die Bezahlung einer betriebsnotwendigen Lizenz.
Das fĂŒhrt nicht zwingend zum Stillstand, reduziert aber die Funktionssicherheit der Anlage erheblich. Ist die Automatisierungssoftware ohne Lizenz unbrauchbar, können Anlagenbediener bestimmte Maschinen nicht mehr steuern. Experten sehen darin einen gefĂ€hrlichen Kontrollverlust.
Hinterleute unbekannt
Ransomware gegen Industrieanlagen zieht verschiedene Akteure an. Neben Erpressern mit reinem Gewinninteresse können auch Staaten ein Interesse daran haben, SchlĂŒsseltechnologien konkurrierender LĂ€nder zu schĂ€digen. Einige Experten gehen davon aus, dass hinter Ekans eher Cyberkriminelle mit Gewinnabsichten stecken. Ăhnlich wie KrankenhĂ€user oder staatliche Verwaltungen haben Industriebetriebe hohe Verluste zu befĂŒrchten, wenn das System offline geht â die Industrie muss Kunden termingerecht beliefern, die Daten haben dabei hohe Bedeutung. Die Argumente fĂŒr ein Nachgeben gegenĂŒber Erpressern sind aus Opfersicht zahlreich.
Eine israelische Sicherheitsfirma behauptete, hinter Ekans steckten iranische Hacker. Forscher anderer IT-Sicherheitsunternehmen sehen dies nicht als erwiesen an. Die IT-Experten von Dragos verweisen auf die Ăhnlichkeit zu Megacortex und gehen von krimineller Motivation aus. Ekans wĂ€re damit gemeinsam mit Megacortex die erste nicht-staatliche Malware, die auf industrielle Steuerungssysteme abzielt. Bisher kamen Angriffe auf Industrieanlagen aus staatlichen Einrichtungen â etwa Geheimdiensten. Sicherheitsexperten warnen vor einer neuen Dimension: Angriffe krimineller Hacker zur Gewinnoptimierung dĂŒrften ein deutlich grösseres Problem darstellen als staatlich gesteuerte. Ein Angriff auf kritische Infrastruktur könnte im Extremfall zur Gefahr fĂŒr die Bevölkerung werden.
Schutz vor dem Trojaner Ekans
Die wirksamste Verteidigung gegen Ekans ist das Verhindern des Eindringens ins Netzwerk. Experten empfehlen, die Kommunikation zwischen einzelnen Netzwerkkomponenten einzuschrĂ€nken â das begrenzt das Ausmass einer Infektion erheblich. RegelmĂ€ssige Backups sind Pflicht; sie mĂŒssen offline aufbewahrt werden. Bei sehr sensiblen Daten empfehlen IT-Experten mehrfache Backups an unterschiedlichen Orten. Betriebssysteme, Software und Firmware brauchen regelmĂ€ssige Updates. Das EinschrĂ€nken von Nutzerberechtigungen kann einen Angriff zusĂ€tzlich abmildern. Eine aktuelle, korrekt konfigurierte Firewall ist dabei unverzichtbar.
Wenn der Schaden eingetreten ist
Sofort vom Netzwerk trennen â das verhindert die weitere Verbreitung der Ransomware auf Laufwerke und andere Systeme. Ausserdem muss der Zeitpunkt ermittelt werden, wann der Trojaner ins System gelangte. Oft bemerken Opfer den SchĂ€dling erst nach mehreren Tagen oder Wochen: Die Malware sendet ihre Lösegeldforderung meist erst, nachdem sie einen Teil ihres Werks bereits vollzogen hat. Zur Datenrettung braucht es ausserdem informierte Mitarbeiter, die wissen, wie sie reagieren sollen. FĂŒr die Wiederherstellung des Systems ist ein sauberes Backup kurz vor dem Befall notwendig.