Multichannel-Software für Onlinehändler im Überblick

Geschrieben von
Roger Klein
E-Commerce aufbauen

Marktplätze wie Amazon oder Ebay machen schon heute die Hälfte des Gesamtumsatzes im Onlinehandel aus. Doch der Verkauf über mehrere Vertriebskanäle birgt für Händler nicht nur organisatorisch viele Probleme: Auch die Infrastruktur muss passen. Welche Multichannel-­Software es gibt, zeigt dieser Beitrag.

Ob Onlinehändler ein stationäres Geschäft gewinnbringend betreiben können, ist unter Fachleuten umstritten. Die Bedeutung der Marktplätze dagegen nicht. Marktplätze bringen eine grosse Kundenbasis mit – und verkauft wird dort, wo der Kunde ist. Der Bundes­verband E-Commerce und Versandhandel (Bevh) schätzt den Anteil der deutschen Marktplätze am E-Commerce-Gesamt­umsatz nach einer Umfrage auf rund 50 Prozent. Nach Hochrechnungen von t3n hätte Amazon allein diesen Anteil 2017 – zusammen mit seinen Händlern – bereits erreicht.

Mehrere Vertriebskanäle gleichzeitig zu bedienen, ist organisatorisch und infrastrukturell anspruchsvoll: Über- oder Unterverkauf, ein plötzlicher Anstieg der Kundenkommunikation, schlagartig wachsende Umsätze. Die spezialisierten Software-Lösungen in dieser Übersicht helfen dabei, genau das zu bewältigen.

Wozu Onlinehändler Multichannel-­Software brauchen

Speziell für den Online- und Multichannel-Handel ausgelegte ­Lösungen führen die verschiedenen Vertriebs- und Marketing­kanäle an einer Stelle zusammen und vereinheitlichen den Daten­bestand aus Onlineshops, Filialen und Marktplätzen. Statt im Backend der Onlineshops oder der einzelnen Marktplätze Bestellungen zu bearbeiten, lassen sich alle Kanäle an einem Ort abwickeln. Die Softwarelösungen sind darauf spezialisiert, die im Handel anfallenden Prozesse stark zu automatisieren. Eingehende Zahlungen werden automatisch Bestellungen zugeordnet, Packlisten möglichst mit einer wegeoptimierter Pickliste erstellt und bei jeder bearbeiteten Bestellung die notwendige Kundenkommunikation – Zahlungs- und Versandbestätigungen – ausgelöst. Das Ergebnis: schnellere Bearbeitung auch bei hohem Sendungs­aufkommen.

Die unterschiedlichen Software-­Kategorien und ihr Einsatz

Zum Stichwort „Multichannel-Software“ passen viele Software­kategorien. Es gibt vollwertige Handels-ERP-Systeme, die von der Buchhaltung über die Auftragsverwaltung und Logistik bis hin zur kompletten Produktionssteuerung reichen, ausserdem Multichannel-­Komplettlösungen mit integriertem Onlineshop oder klassische Multi­channel-Middleware, die zwischen be­stehende ERP- und Online­shop-Systeme und zusätzliche Vertriebskanäle geschaltet werden kann. Wer nur über wenige Kanäle verfügt, findet mittlerweile auch in einigen Shop-­Systemen integrierte Multichannel-­Software und ERP-­Funktionalitäten. Ein paar Beispiele dazu stehen am Ende des Artikels.

Die Lösungen am Markt haben sich über die Jahre weiterentwickelt. Die Grenzen zwischen den Kategorien verwischen, manche Software lässt sich als Middleware, Komplettlösung oder nur als ERP einsetzen. Deshalb verzichtet diese Übersicht auf eine kategorisierte Auflistung. Eine gute Multichannel-Software sollte einen hohen Grad an Automatisierung bieten, eine breite Auswahl an Vertriebskanälen abdecken, eine wachstumssichere Tarifpolitik haben und einen ausreichenden Funktionsumfang mitbringen – so dass der Betriebsablauf von Beginn an ohne zwingend nötige Drittanbieter-Software funktioniert.

Zum üblichen Funktionsumfang gehören ein Order-­Management-­System (OMS) zur Auftragsabwicklung, verbunden mit einem Bestandsmanagement für die jeweiligen Vertriebskanäle, Rechnungsstellung und ­Gutschriftenerteilung mit automatisiertem Zahlungsabgleich (Faktura). Die meisten Systeme enthalten auch ein Customer-­Relationship-Management (CRM), das Transaktions­daten mit Kundenanfragen zusammenbringt, sowie eine Lager­verwaltung im Warehouse-Management-System (WMS) mit Pack- und Picklisten und wegeoptimierter Führung durch das Lager. Für Händler mit Filialbetrieb oder Abholung kommt oft ein Kassensystem dazu. Manche Hersteller gehen weiter und bieten einen vollständigen ERP-Umfang: Dann sind Produktinformationssysteme (PIM), Controlling und Business Intelligence (BI) sowie Finanzbuchhaltung (Fibu) ebenfalls enthalten.

Die Anbieter in der Übersicht

4Sellers

4Sellers ist ein Versandhandelsaufsatz auf Basis der Cloud-ERP Sage 100. Über Module und Erweiterungen wird die Sage-Standardlösung zur Branchenlösung für ­Onlinehändler umgebaut. Neben B2B-Commerce-Funktionalitäten bietet 4Sellers auch umfangreiche Filialfunktionen – etwa Hardware-Pakete für das integrierte, vernetzte Kassensystem. Abgedeckt werden Rechnungswesen und Finanzbuchhaltung, Faktura, OMS, ­Warenwirtschaft, CRM sowie BI-Funktionalitäten inklusive Dokumenten-Management. Angebunden werden unter anderem Amazon, Ebay, Rakuten, Real sowie Otto. Eine offizielle Preisauskunft war trotz Nachfrage nicht zu erhalten.

Actindo

Actindo ist ein mehrmandantenfähiges E-Commerce-ERP aus der Cloud, das von der Finanzbuchhaltung bis zur Business-­Intelligence alles abdeckt. Angebunden werden unter anderem Amazon, Ebay, Real, Otto und Rewe. Die Unified-Commerce-Suite läuft auf der selbstentwickelten Core1-Plattform nach dem API-first-Ansatz und ist modular aufgebaut: Kundeninstanzen erhalten virtuelle Prozessoren zugewiesen, je nach Tarif bis zu 15. Erweiterungen lassen sich über einen integrierten App-Store oder per API einbinden – ob selbst entwickelt oder fertig verfügbar. Die Grundgebühr beginnt bei 75 Euro pro Monat und Nutzer bei zweijährlicher Zahlung (monatlich: 99,75 Euro), der Betrag sinkt bei zunehmender Nutzerzahl. Pro Transaktion fallen 0,24 Euro an. Im kleinen Tarif sind 3.000 Transaktionen enthalten, im nächstgrösseren 6.000 für 199,50 Euro. Ein unbegrenzter Enterprise-Tarif ist ebenfalls verfügbar.

Afterbuy

Afterbuy begann als Auftragsabwicklung für Ebay, wurde zur Middleware und ist heute auch als Komplettlösung mit inte­griertem Onlineshop erhältlich. Das System deckt Faktura, OMS, Warenwirtschaft, CRM und BI ab und bringt damit Funktionen mit, die sonst eher in grösseren ERP-Systemen zu finden sind. ­Erweiterungen stehen in einem ­Plugin-Store bereit. Angebunden werden unter anderem Amazon, Ebay, Hood, Real und Rakuten, dazu eine iPad-Kassen-App und eine iPad-Lager-App.

Das Ordermanagement ist in der Basisversion ohne Grundgebühr erhältlich, abgerechnet wird mit 0,15 Euro pro Transaktion. Rechnungswesen, ­Bestellwesen, Lagerwesen und CRM gibt es ab 14,90 Euro monatlich plus 0,15 Euro pro Transaktion. Für 49,90 Euro kommen Shop-System, erweiterte BI-Funktionen und zusätzliche Vertriebskanäle dazu – die Transaktionskosten sinken dann auf 0,10 Euro oder lassen sich gegen eine 99-Euro-Flatrate tauschen.

Billbee

Die SaaS-Lösung Billbee hat sich in den letzten Jahren zur vollwertigen Marktplatz-Middleware für kleinere bis mittlere Händler entwickelt: Faktura, Warenwirtschaft und Versandabwicklung aus einer Hand. Angebunden sind zwölf Marktplätze, darunter Amazon, Ebay, Etsy, Idealo Direktkauf, Rakuten, Real und Wish. Für externe Systeme steht eine API bereit. ­Billbee erhebt keine festen Grundgebühren, keine ­vertraglichen Mindestlaufzeiten und rechnet 0,07 Euro pro Transaktion ab – maximal 39 Euro. Für die Bestandsverwaltung fallen bis zu 0,01 Euro pro Bewegung an, maximal 19 Euro. Vier Verkaufskanäle und zwei Versender sind ohne Aufpreis dabei, jeder weitere kostet zehn Euro pro Monat.

Brickfox

Brickfox ist eine Multichannel-Middleware, die Onlineshops, ERP, Waren­wirtschaft und Marktplätze verbindet. Unterstützt werden Amazon, Ebay, Otto, Neckermann.at, Plus, GartenXXL, Yatego und weitere – auch der französische Marktplatz Cdiscount. Bei ERP und Warenwirtschaft bindet Brickfox unter anderem Sage, Selectline, Pixi und Büroware an. Die Software gleicht dabei auch Schwächen in Warenwirtschaftssystemen aus, die nicht für Versandhändler ausgelegt sind – etwa durch virtuelle Lagerführung pro Verkaufskanal, um Über- und Unterverkäufe zu vermeiden, sowie ein PIM-System für kanalspezifische Produktdaten.

Brickfox startet mit einem Bronze-Tarif für kleine Onlinehändler bei 99 Euro monatlich: zwei Vertriebskanäle, 500 monatliche Bestellungen. Mittlere Händler steigen ab 299 Euro mit fünf Vertriebskanälen und 2.000 Bestellungen ein – hier fallen einmalige ­Systemgebühren von 2.999 Euro an. Weitere Tarife reichen bis zu 799 Euro monatlich mit 10.000 Bestellungen auf zehn Vertriebskanälen.

Channelpilot

Channelpilot ist eine E-Commerce-Middleware, die alle ­beteiligten Systeme verbindet. Marktplatzanbindungen bestehen für Amazon, Ebay, Rakuten, Locamo, Tradera, Cdiscount, Marktplaats und den schwedischen Marktplatz Fyndiq – insgesamt sollen Marktplätze in über 40 Ländern abgedeckt werden. Neben Marktpreisanalysen, Angebotsanalysen und Dynamic Pricing bietet das auf Produktdatenkataloge spezialisierte System auch Order-Management, Bestandsverwaltung sowie Controlling- und Monitoring-Funktionen. Die Preismodelle sind flexibel: performance­orientiert nach Klicks und/oder Umsatz, als Pauschale pro Kanal oder als Flatrate-Fixpreis für die komplette Nutzung. Die Marktpreis­analyse wird nach Artikelanzahl und Preisaktualisierungen pro Monat berechnet.

E-Fulfilment

Die E-Commerce-Engine von E-Fulfilment ist eine modular aufgebaute SaaS-Middleware für mittlere bis grosse Onlinehändler. Sie bietet Multichannel- und Filialanbindung sowie ein B2B-­Management-Modul mit über 15 Funktionen: darunter Faktura, OMS, PIM, WMS, BI und Filialverwaltung. Eine Finanz­buchhaltung ist nicht enthalten, dafür eine automatisierte Prozesskontrolle, die bei Anomalien proaktiv reagiert und alarmiert. Neben Amazon, Ebay, Real und Rakuten werden viele weitere Marktplätze unterstützt. Eine Preisauskunft war auf Nachfrage leider nicht erhältlich.

Pixi

Pixi ist eine E-Commerce-Warenwirtschafts- und Logistik-­Software für mittlere bis grosse Onlinehändler. Eine Besonderheit: Das System integriert Amazons Prime-by-Seller-Programm direkt in die eigenen Prozesse – die vorgeschriebenen Amazon-­Versandlabel des Paketdienstes werden importiert und automatisch gedruckt. Pixi bindet selbst keine Marktplätze an, sondern setzt auf Afterbuy, Brickfox oder Tradebyte als Middleware. Dafür gehört das Warehouse-Management zu den ausgefeiltesten in dieser Übersicht: verteilte Standorte, verschiedene Pick- und Pack-Technologien wie Pick by Light oder Pick by Color sowie ein umfangreiches Retourenmanagement. Für Händler mit anspruchsvollen Anforderungen an das Lagermanagement eine interessante Option.

Wer seinen Versand und sein Lager an ein Logistikunternehmen auslagert, das Pixi einsetzt, nutzt die Software kostenlos. Daneben ist Pixi auch im Eigenbetrieb verfügbar: als Kauf für 20.000 Euro oder als SaaS-Lösung für 500 Euro monatlich.

Plentymarkets

Das E-Commerce-ERP Plentymarkets bindet über 25 verschiedene Marktplätze an, darunter Amazon, Ebay, Rakuten, Real, ­Zalando sowie internationale Marktplätze wie ­neckermann.at, den schweizerischen Galaxus und Ricardo.ch. Mit Kassensystem und optionalem Onlineshop lässt sich Plentymarkets als Komplett­system betreiben, externe Onlineshops können aber ebenso angebunden werden. Das System ist eines der wenigen mehrmandanten­fähigen in dieser Übersicht und deckt Faktura, WMS, CRM und PIM ab – eine Finanzbuchhaltung ist nicht enthalten. Erweiterungen, auch selbst entwickelte, lassen sich als ­Plugin einbinden. Dazu kommt ein grosses ­Ökosystem mit Plugin-Marktplatz und vielen Partner­agenturen.

Plentymarkets ist in verschiedenen Varianten erhältlich, die Instanzen lassen sich nach Bedarf zusammenstellen. Die günstigste Variante kommt ohne monatliche Fixkosten aus, weitere ­Tarife liegen bei 39 und 79 Euro. Zusätzlich berechnet der Anbieter eine Transaktionsgebühr zwischen 0,4 und 0,5 Prozent vom Umsatz.

Tradebyte

Tradebyte bietet verschiedene Middleware-Lösungen an, die auch zur Realisierung eines eigenen Marktplatzes genutzt werden können – seit 2016 ist Tradebyte im Besitz von Zalando. TB One, die Multichannel-Middleware, bindet nicht nur Amazon, Ebay, Real, ­Zalando und Otto an, sondern auch Marktplätze der grossen mittelständischen Handelsunternehmen in Deutschland: Breuninger, Galeria Kaufhof, Karstadt, Mytoys, Netto, Plus, Lidl, ­Intersport, Thalia und ­Weltbild. Sogar der Luxusmarktplatz der Pariser ­Galeries Lafayette ist dabei. Tradebyte ist im Kern eine Kombination aus PIM und OMS und berücksichtigt kanalspezifische Besonderheiten bei Artikel- und Auftragsdaten. Das Konditionsmodell ist dreistufig: Setup-Kosten, Grundgebühren und Disagio auf die erzielten Nettoumsätze, in unterschiedlichen Editionen je nach Zielgruppe. Der Einstieg liegt bei etwa 2.000 Euro Einrichtungskosten, 200 Euro monatlicher Grundgebühr und 1,5 Prozent Disagio.

Tricoma

Die Onlinewarenwirtschaft Tricoma bindet viele Kanäle an – darunter Amazon, Crowdfox, Check24, Ebay, Hood, Rakuten, Real, Wish und Yatego. Amazon-­Lieferanten können auch Vendor-Bestellungen verwalten. Tricoma bringt keine eigene Buchhaltung mit, bietet je nach Version aber ERP-Funktionen wie Zeit­erfassung, Mahnlauf und BI wie Margenstatistiken. Den Funktionsumfang stellen Nutzer über kostenpflichtige Apps zusammen – etwa Buchhaltungsexport oder Datev-Export. So lässt sich Tricoma auch zum Komplettsystem mit Onlineshop erweitern; alternativ stehen Apps zur Anbindung an gängige Shopsysteme bereit.

Tricoma ist im Leasing oder zum Kauf erhältlich. Bei monatlicher Abrechnung beginnen die Lizenzkosten bei 49 Euro, dazu kommen Hosting-Gebühren. Eine Version für kleine bis mittlere Händler mit Anbindung von DHL, Amazon und Ebay kommt auf 349 Euro monatlich inklusive Hosting und 24-monatiger Updategebühr – laut Anbieter entspricht das einem Kaufpreis von 6.579 Euro.

Was die Wahl entscheidet

Onlinehändlern stehen mittlerweile viele ausgereifte Systeme zur Verfügung. Entscheidend für die Auswahl sind vor allem die anzubindenden Marktplätze und die bereits vorhandenen ­Systeme auf Seiten des Händlers. Wer nicht gleich das komplette ERP wechseln kann oder will, greift zu einer Middleware. Soll das Sy­stem hingegen das bisherige ERP ersetzen, liegt das Haupt­augenmerk auf den ERP-Funktionalitäten.

Ob die Onlineshops in den Komplettsystemen genutzt werden, sollte vom damit verbundenen Ökosystem abhängen. Eigenständige Shoplösungen könnten dort unter Umständen mehr bieten. Kleine Onlinehändler, die bereits über ein ERP oder eine Warenwirtschaft mit Orderomanagement für Versandhändler verfügen, können für den Start auch auf SaaS-Shopsysteme wie Epages, Shopify oder Versacommerce mit integrierter Marktplatz­anbindung setzen – und bei Wachstum und Expansion auf weitere Kanäle dann auf eine Middleware umsteigen. In jedem Fall gilt: Wer alle Verkaufskanäle über ein zentrales System mit gemeinsamer Datenbasis steuert, gewinnt echte zeitliche und organisatorische Vorteile.

Gefunden auf: https://t3n.de/magazin/multichannel-software-fuer-im-248039/

Über die Autor:in

Roger Klein

Geschäftsführer dataloft GmbH. WordPress seit Version 3, Frauenfeld. Verantwortet bei dataloft Strategie, Architektur und KI-Integration. Baut mit Mattes und Elena rundum.dog, die grösste deutschsprachige Hunde-Wissensplattform.

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