Eine Studie liefert Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen: 73 % der IT-Fachkräfte in Europa erleben arbeitsbedingten Stress bis hin zum Burnout. Die ISACA-Studie zeigt ein Problem, das sich nicht mehr ignorieren lässt. Doch woher kommt das? Vieles deutet darauf hin, dass die Branche weniger am ständig diskutierten IT-Fachkräftemangel leidet – sondern an strukturellen Schwächen.
Was sagen Studien zur Situation der IT-Branche?
73 % der IT-Fachkräfte in Europa erleben Stress oder Burnout – vor allem durch hohe Arbeitslast und strukturelle Belastungsfaktoren.
Eine Untersuchung der ISACA zeigt ein deutliches Bild der aktuellen Lage im europäischen IT-Sektor.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
- 73 % berichten von arbeitsbedingtem Stress oder Burnout
- 61 % nennen hohe Arbeitslast als Hauptursache
- 44 % sehen enge Deadlines als Belastungsfaktor
- 43 % kritisieren fehlende Ressourcen
- 47 % empfinden das Management als nicht ausreichend unterstützend
- 24 % beklagen fehlendes Mentoring beim Berufseinstieg – wobei 76 % es für wichtig halten, aber nur 15 % tatsächlich einen Mentor haben
Die einzige positiv anmutende Zahl steckt bei den Weiterbildungen: 90 % der Befragten haben aktiv Weiterbildungen oder Zertifizierungen genutzt, 74 % wurden dabei vom Arbeitgeber unterstützt.
Das sieht nicht nach einem isolierten Problem einzelner Unternehmen aus. Das ist ein strukturelles Muster innerhalb der IT-Branche.
Link zur Studie: ISACA Study: 73% of European IT Professionals Suffer Burnout Amid Rising Workloads and Skills Shortages
Warum sind so viele IT-Fachkräfte überlastet?
IT-Fachkräfte sind vor allem wegen hohem Arbeits- und Zeitdruck sowie fehlender Ressourcen überlastet.
Die Studie ist klar: Der grösste Stressfaktor ist nicht die Tätigkeit selbst – sondern die Rahmenbedingungen.
Drei Punkte stechen heraus:
- Dauerhaft hohe Arbeitslast (61 %)
- Unrealistische Ziel- bzw. Zeitvorgaben (44 %)
- Fehlende personelle und/oder technische Ressourcen (43 %)
Dazu kommt ein oft unterschätzter Faktor: organisatorische Überforderung. Wenn Prozesse unklar sind oder Prioritäten ständig wechseln, steigt die Belastung – unabhängig von der eigentlichen Aufgabenmenge.
Ist der IT-Fachkräftemangel die Ursache für die Probleme in der Branche?
Der Fachkräftemangel verstärkt die Situation, ist aber nicht die alleinige Ursache.
In vielen Bereichen leidet die IT-Branche tatsächlich unter einem Mangel an qualifizierten Fachkräften – besonders in hochspezialisierten Feldern.
Gleichzeitig zeigt sich ein differenzierteres Bild: Viele Stellen bleiben nicht unbesetzt, weil es keine Bewerber gibt, sondern weil Anforderungen und Realität nicht zusammenpassen.
Typische Probleme:
- Sehr hohe oder stark spezialisierte Anforderungsprofile
- Erwartung sofortiger Produktivität ohne Einarbeitungszeit
- Zurückhaltung bei Gehältern trotz hoher Nachfrage
- Fehlende Bereitschaft, Talente intern aufzubauen
Die Folge: Bestehende Teams übernehmen zusätzliche Last – was die Überlastung weiter verschärft. Dazu passend: Von Quiet Quitters und Unternehmenskultur als Schlüssel zur Mitarbeiterbindung
Warum ist es also ein Strukturproblem der Branche?
Die IT-Branche hat primär ein strukturelles Problem, weil Arbeitslast, Ressourcen und Erwartungen nicht im Gleichgewicht stehen.
Zu wenige verfügbare Fachkräfte in bestimmten Bereichen, gleichzeitig hohe und teils unrealistische Anforderungen, dazu kaum organisatorische Entlastung – das ergibt ein systemisches Ungleichgewicht.
Das Problem ist weniger die Nachfrage nach Fachkräften. Es ist die Art, wie Arbeit verteilt, geplant und priorisiert wird.
Welche Rolle spielt die Führung im Stresslevel von IT-Fachkräften?
Die Qualität der Führung ist ein entscheidender Faktor für Stress – fehlende Unterstützung und unklare Prioritäten verstärken die Arbeitsbelastung erheblich.
Fast die Hälfte der Befragten (47 %) gibt an, dass das Management ihr Wohlbefinden negativ beeinflusst. Wieder sind es die organisatorischen Rahmenbedingungen – nicht die Technik.
Typische Ursachen: unklare Priorisierung, mangelnde Kommunikation zwischen Management und Technik, fehlendes Verständnis für Aufwand und Komplexität von Projekten.
Welche Folgen hat die Situation für die Branche?
Die aktuelle Überlastung führt branchenweit zu höherer Fluktuation, Wissensverlust und sinkender Leistungsfähigkeit.
Wenn IT-Fachkräfte dauerhaft unter Druck arbeiten, betrifft das nicht nur einzelne Unternehmen – sondern die gesamte Branche. Steigende Fluktuation (die den IT-Fachkräftemangel weiter verstärkt), Wissensverlust durch abwandernde erfahrene Mitarbeitende, sinkende Effizienz durch dauerhaft überlastete Teams und höhere Recruiting-Kosten: Das sind die konkreten Folgen.
Besonders kritisch ist der Wissensverlust. In der IT ist Erfahrung eng an Systeme, Prozesse und spezifische Architekturen gebunden. Geht dieses Wissen regelmässig verloren, entsteht ein Stabilitätsproblem.
Der sogenannte IT-Fachkräftemangel erklärt nur einen kleinen Teil der Gesamtsituation. Die Studiendaten zeigen: Überlastung und Dauer-Frust entstehen nicht durch zu wenig Personal – sondern durch ein Zusammenspiel aus hohen Erwartungen und fehlender Entlastung, vor allem vonseiten der Führungsebene.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie viele Fachkräfte am Arbeitsmarkt verfügbar sind. Sie ist, wie sinnvoll die vorhandenen Ressourcen wirklich eingesetzt werden.