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Wie bewerten deutsche Unternehmen den Stand der Digitalisierung?

Geschrieben von
Roger Klein
digitale transformation

Die Digitalisierung – im Wortsinn das Umwandeln analoger in digitale Inhalte – wird heute als digitale Transformation komplexer Prozesse verstanden. Sie betrifft Wirtschaft, Medien, Behörden und die Gesellschaft insgesamt. In der Wirtschaft ist sie zentral. Und in Deutschland hat sie offenbar einen schlechten Stand: Die meisten deutschen Firmenchefs sehen ihr eigenes Unternehmen als NachzĂŒgler. In rund 25 % aller Betriebe fehlt eine Digitalstrategie vollstĂ€ndig.

Konzerne als Vorreiter der digitalen Transformation

Kleinen, wendigen Start-ups traut man bei neuen Technologien meist mehr zu – anderswo mag das stimmen. Microsoft startete einst als Garagenfirma. In Deutschland aber beanspruchen grosse Konzerne die Vorreiterrolle bei der digitalen Transformation. Allen voran die Automobilhersteller und die Deutsche Bahn, die 2019 ihre DigitalisierungsplĂ€ne öffentlichkeitswirksam kommunizierten.

Die Bahn will ZugverspĂ€tungs-Erstattungen digital abwickeln, ein digitales Live-Ticket einfĂŒhren und die Bahninfrastruktur stĂ€rker digitalisieren – mit dem Ziel, mehr ZĂŒge fahren zu lassen und gleichzeitig VerspĂ€tungen zu senken. DafĂŒr nimmt die Deutsche Bahn mehrere Milliarden Euro in die Hand. Laut Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla (ehemaliger CDU-Politiker) mangelt es dabei an passenden Systemangeboten: Man erhalte nur Offerten zu „individuellen Manufakturleistungen“. Die Bahn hat daher eine eigene Digitalgesellschaft gegrĂŒndet, die gemeinsam mit der Industrie Lösungen entwickelt.

Das Ziel: ZĂŒge werden im digitalisierten Schienennetz per Sensoren und Funk geleitet. Digitale Stellwerke ersetzen analoge Signale. Pofalla rechnet damit, die KapazitĂ€t um 30 % zu steigern – ohne zusĂ€tzliche Gleise, weil Personen- und GĂŒterzĂŒge dichter getaktet fahren können. Gut verknĂŒpfte Daten sollen Störungen reduzieren. Die Strecke Berlin–MĂŒnchen zeigt, dass das funktioniert: Sie ist bereits fast vollstĂ€ndig digitalisiert, die PĂŒnktlichkeit liegt dort bei ĂŒber 80 % – deutlich ĂŒber der sonstigen Bahnquote von 74,9 %. Bis 2040 will die Bahn rund 28 Milliarden Euro in den flĂ€chendeckenden Ausbau investieren.

Digitalisierung im Gros der Unternehmen: ErnĂŒchterung

Der Branchenverband Bitkom hat 2019 eine Umfrage in deutschen Unternehmen durchgefĂŒhrt – die Ergebnisse sind ernĂŒchternd:

  • 58 % aller VorstĂ€nde und GeschĂ€ftsfĂŒhrer halten das eigene Unternehmen fĂŒr einen NachzĂŒgler bei der digitalen Transformation.
  • 36 % der Befragten beanspruchen eine Vorreiterrolle.
  • 3 % der Firmenchefs glauben, ihr Unternehmen schaffe den Schritt nicht mehr – es sei „abgehĂ€ngt“.
  • Grössere Unternehmen sind tendenziell weiter: Knapp die HĂ€lfte der Firmen mit 501 bis 1.500 Mitarbeitern hĂ€lt sich digital fĂŒr gut bis sehr gut aufgestellt. Bei Unternehmen mit ĂŒber 2.000 Mitarbeitern sind es 71 %.
  • 23 % der Unternehmen wollen keine eigene Digitalstrategie angehen – ĂŒberwiegend Kleinstfirmen.
  • Praktisch alle Unternehmen mit ĂŒber 2.000 Mitarbeitern verfĂŒgen ĂŒber eine Digitalstrategie.
  • Insgesamt verfolgen 38 % der Firmen eine handfeste Digitalstrategie.
  • Weitere 37 % verwiesen auf Strategien fĂŒr einzelne Unternehmensteile.

Bitkom-PrÀsident Achim Berg: Erfolg funktioniert nur noch digital

Bitkom-Chef Berg rĂ€t vor allem KMU zu konsequenten Digitalstrategien – sonst scheitern ihre GeschĂ€ftsmodelle. Branche und Unternehmensgrösse seien dabei zunĂ€chst zweitrangig, so Berg. Die „analoge Sichtfahrt“ werde schon bald nicht mehr genĂŒgen. Er sieht den Mittelstand in besonderer Pflicht, denn er ist das RĂŒckgrat der deutschen Wirtschaft. Die reprĂ€sentative Umfrage erfasste 502 deutsche Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern.

Was sagen Dax-CEOs zur digitalen Transformation?

Der Bildungsanbieter WBS-Gruppe hat die Reden auf Hauptversammlungen der Dax-Konzerne auf entsprechende Stichworte gescannt und ausgewertet. Das ist relevant: SchĂ€tzungen gehen davon aus, dass in Deutschland bis 2035 rund 1,5 Millionen Jobs wegfallen und neu entstehen werden. Der digitale Wandel kostet per saldo keine Stellen – erfordert aber viele Umschulungen. Von den Dax-Konzernen erwartet man, dass sie dabei vorangehen. Die WBS-Ergebnisse:

  • 62 Stichworte nannte Wirecard-Chef Markus Braun zur digitalen Thematik – darunter 5G, kĂŒnstliche Intelligenz, Automatisierung und digitaler Wandel.
  • 32 Mal griff Henkel-Vorstand Hans van Bylen das Thema schlagwortartig auf.
  • 28 Nennungen kamen von Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender von Infineon.
  • Je viermal tippten Rolf Martin Schmitz (RWE) und Frank Appelt (Deutsche Post) das Thema an.
  • Zweimal griff es Stephan Sturm (Fresenius) auf.
  • Nur ein digitales Stichwort nannte Rolf Buch (Vonovia).

Dieselbe Analyse hat WBS ĂŒbrigens auch fĂŒr die Umweltthematik durchgefĂŒhrt – mit gĂ€nzlich anderen Ergebnissen.

Was bedeutet eigentlich Digitalisierung konkret?

Konkret bedeutet sie den Einsatz digitaler Technologien – dazu gehört auch der Computer ohne Internet. Im Grunde lĂ€uft das seit den 1970er Jahren, nur unter anderen Begriffen. Dass sie heute so viel Gewicht hat, liegt am disruptiven Übergang zur Onlinegesellschaft. Andere Technologien wie KI oder Blockchain sind relevant, aber nur das allgemein verfĂŒgbare Internet – inklusive IoT – hat wirklich mit frĂŒheren Informations- und Produktionsmodellen gebrochen.

Das IoT revolutioniert zusammen mit Blockchain- und DAG-Technologien (Directed Acyclic Graph, eine dezentrale Datenbanktechnologie) gerade die industrielle Produktion. Fabriken arbeiten vollautomatisch, Maschinen bezahlen sich gegenseitig mit KryptowĂ€hrungen. Vernetzte ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) ermitteln den Lieferbedarf automatisch und verhandeln Preise in Sekunden – was frĂŒher tagelange Abstimmungen erforderte. Wer den digitalen Anschluss verpasst, ist schon bald nicht mehr konkurrenzfĂ€hig. Das gilt auch fĂŒr Handwerker und Dienstleister, die sich beispielsweise mit Apps fĂŒr die Baustellenplanung digitalisieren.

Wenn ein KMU wissen will, wie weit es digital transformiert ist, helfen diese Fragen:

  • Kommt eine effiziente Software zum Einsatz?
  • Sind BI-, ERP- und CRM-Systeme (bei produzierenden Unternehmen: das IoT) im Einsatz? (BI: Business Intelligence, CRM: Customer Relationship Management)
  • Haben die Mitarbeitenden mobilen Zugriff darauf?
  • Gibt es Softwaretools fĂŒr effiziente interne Kommunikation? Slack wĂ€re beispielsweise eine Lösung.
  • Nutzt das Unternehmen noch Microsoft Excel? Es gibt bessere Alternativen.
  • Werden noch On-Premise-Lösungen verwendet? Das sind Programme, die nur auf einem lokalen Server oder einzelnen Rechner laufen. Ein Umzug in die Public Cloud wĂŒrde kollaboratives Arbeiten ermöglichen – vernetzt, mit gleichzeitigem Dateizugriff.

Wie gut versteht die deutsche Öffentlichkeit die digitale Transformation?

Im internationalen Vergleich wohl eher schlecht. Das internationale Social Network InterNations hat dazu eine Befragung unter Expatriates durchgefĂŒhrt – Personen, die dauerhaft ausserhalb ihres Geburtslandes leben und daher gute Vergleichsmöglichkeiten haben. Darunter waren dauerhaft im Ausland lebende Deutsche und dauerhaft in Deutschland lebende AuslĂ€nder. Beide Gruppen vergeben schwache Noten: Beim digitalen Wissen und der Transformation landet Deutschland unter 68 verglichenen LĂ€ndern auf Platz 53.

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Über die Person

Roger Klein

GeschĂ€ftsfĂŒhrer dataloft GmbH. WordPress seit Version 3, Frauenfeld. Verantwortet bei dataloft Strategie, Architektur und KI-Integration. Baut mit Mattes und Elena rundum.dog, die grösste deutschsprachige Hunde-Wissensplattform.

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