Vielleicht hast du ja auch schon mal den Mythos gehört, in China wĂŒrde man fĂŒr âKrise“ dasselbe Schriftzeichen verwenden wie fĂŒr âGelegenheit“. Das stimmt so nicht â leider, denn dieser Ansatz ist gar nicht so verkehrt. Aber wie stellt man es an, die Krise zu ĂŒberstehen und das Beste aus der Situation zu machen? Ein Patentrezept gibt es nicht, aber Orientierung fĂŒr den Weg durch und aus den schwierigen Zeiten können folgende Regeln bieten:
Regel 1: solide Basis statt blindem Aktionismus
Auch wenn die Situation mehr als beunruhigend ist, setz besser nicht auf ĂŒberstĂŒrzte Aktionen, von denen du dir einen sofortigen Effekt erhoffst. Sowohl ungesunde Rabattaktionen als auch radikale Einsparungen werden auf lange Sicht mehr schaden als nĂŒtzen. Setz lieber auf eine Stabilisierung deiner Basis, um deine HandlungsfĂ€higkeit dauerhaft zu stĂ€rken. DafĂŒr solltest du folgende Schritte angehen:
- Liefer- und VersandfĂ€higkeit sicherstellen: Organisiere AblĂ€ufe so, dass deine LieferfĂ€higkeit erhalten bleibt â etwa indem du Arbeitszeiten und -möglichkeiten flexibilisierst. Pass Versandtermine an, falls nötig. Halt Kontakt mit deinen Lieferanten und Versanddiensten, um rechtzeitig ĂŒber Probleme informiert zu sein. Lote mögliche alternative Anbieter aus, damit du im Notfall schnell umsteigen kannst.
- Vorhandenes Potenzial ausschöpfen: Mach jetzt das Beste aus deinen Möglichkeiten, um den Umsatzeinbruch zu minimieren. Erhöhe beispielsweise dort die Preise, wo du mit VerfĂŒgbarkeit punkten kannst. Setz auf erhöhte PrĂ€senz, nutz Shoppingportale und zusĂ€tzliche VertriebskanĂ€le. Beachte dabei auch internationale Vermarktungsmöglichkeiten â in LĂ€ndern mit strengen Ausgangssperren steigt das Potenzial fĂŒr Onlineshops gerade deutlich. Reagiere mit entsprechenden Kampagnen und Anzeigen.
Regel 2: erst Lage prĂŒfen, dann Massnahmen ergreifen
Besondere Situationen erfordern besondere Massnahmen â aber die sollten zielgerichtet sein. Wirf deshalb zunĂ€chst einen genauen Blick auf deine Ausgangslage. Besonders diese Faktoren zĂ€hlen:
- Wie lĂ€uft es bei mir?: Ăberdenke, wie deine wirtschaftliche Lage ist, welche Kostenfaktoren du berĂŒcksichtigen musst, welche Reserven du ausschöpfen kannst und wie lange sich die schwierige Situation ĂŒberbrĂŒcken lĂ€sst. So gewinnst du eine Ăbersicht ĂŒber deinen Spielraum und kannst entsprechend planen und handeln.
- Wie lÀuft es im Shop?: Besonders jetzt ist es wichtig, die Lage im Onlineshop genau im Blick zu behalten. Was lÀuft gut, was nicht? Wo steigt die Nachfrage, wo fÀllt sie? Wie könnte sie sich weiterentwickeln? Aus diesen Informationen kannst du Anreize ziehen, dein Sortiment anzupassen und gezielt zu vermarkten.
- Wie lĂ€uft es beim Kunden?: Zu wissen, was in deiner Zielgruppe vorgeht, ist entscheidend. Am einfachsten erfĂ€hrst du das ĂŒber Social-Media-Monitoring. Was wird gepostet und kommentiert, wie ist die Stimmung? Pass deinen Auftritt an die BedĂŒrfnisse und Sorgen deiner Zielgruppe an.
Regel 3: unsichere Zeiten erfordern flexibles Marketing
Die Krise hat die Gesamtsituation fundamental geĂ€ndert. Das bedeutet: Bestehende MarketingplĂ€ne mĂŒssen auf den PrĂŒfstand. Geplante saisonale Aktionen oder Imagekampagnen sind vielleicht unpassend geworden oder nicht mehr erfolgversprechend. Was muss verschoben, angepasst oder gĂ€nzlich gestrichen werden? Hier gilt:
- Nichts ĂŒberstĂŒrzen: Noch ist unabsehbar, wie sich die Situation in den nĂ€chsten Monaten entwickeln wird. Was du geplant hast, könnte sinnlos werden, muss es aber nicht. Wenn die Krisen-Nachrichten sich ĂŒberschlagen, schenkt niemand einer noch so gut durchdachten Marketingkampagne Beachtung. Irgendwann könnte sie aber wieder erfolgreich sein. Wirf deine PlĂ€ne also nicht gleich ĂŒber den Haufen.
- Kosten und Nutzen abwĂ€gen: NatĂŒrlich muss man auch in Krisen weiter investieren â aber nicht in teure Kampagnen, die wegen der aktuellen Lage unbeachtet verpuffen. WĂ€g also ab, welche Investition ĂŒberhaupt Sinn ergibt.
- Neuerungen zurĂŒckstellen: In Krisenzeiten sehnen sich die Menschen nach Vertrautem. Den Shop umzugestalten, einen neuen Namen oder ein neues Logo einzufĂŒhren â dafĂŒr ist jetzt der denkbar ungĂŒnstigste Moment. Leg solche PlĂ€ne vorerst auf Eis.
Regel 4: das passende Image kommunizieren
Viele Menschen reagieren gerade besonders sensibel auf Inhalte. Als OnlinehĂ€ndler kannst du dich damit unbeliebt machen â oder punkten. PrĂŒf deshalb deinen Auftritt und pass ihn an:
- Was passt nicht?: Welche Bilder oder welche Wortwahl könnten jetzt als unpassend empfunden werden? PrĂŒf geplante Anzeigen, Inhalte und Richtlinien auf möglicherweise verfĂ€nglichen Content. Ein Posting mit fragwĂŒrdigem Humor oder ein Newsletter mit Inspirationen fĂŒr die nĂ€chste Party â das wirkt im besten Fall irritierend, im schlimmsten Fall löst es einen Shitstorm aus. Beachte dabei auch, dass das Wort âCorona“ gegen Werberichtlinien verstossen und zur Domainsperrung fĂŒhren kann.
- Was könnte jetzt passen?: Sicherheit und Gemeinschaft sind in Krisenzeiten gefragt. Kommuniziere NĂ€he zum Kunden und rĂŒck die Vorteile, die du gerade bieten kannst, in den Vordergrund. Welche deiner Möglichkeiten und Angebote sind jetzt besonders hilfreich? Triff den richtigen Ton: Du nimmst die Krise ernst, stehst aber fĂŒr eine positive Herangehensweise und VerlĂ€sslichkeit.
Regel 5: massgeschneiderte AnsÀtze definieren
Viele HĂ€ndler verspĂŒren in Krisen den Impuls zu ĂŒberreagieren â oder verfallen in Schockstarre und reagieren gar nicht. Beides kann fĂŒr den Shop fatal sein. Deshalb gilt:
- SpielrĂ€ume definieren: Verschaff dir Klarheit ĂŒber deine aktuellen SpielrĂ€ume bei Kosten und Marge und pass die Vorgaben nötigenfalls an. Wer mit Smart Bidding oder Ăhnlichem arbeitet, sollte wissen: Solche Algorithmen basieren auf Erfahrungswerten â und genau die fehlen fĂŒr die aktuelle Situation. Passe die Gebotssteuerung sicherheitshalber an oder arbeite manuell.
- Detailarbeit beim SEA-Marketing: Um vorhandenes Potenzial gĂŒnstig zu platzieren und in problematischen Bereichen zu sparen, steuere SEA-Kampagnen jetzt detailliert und in engem Abgleich mit der Agentur. Pass Budgets an, push, pausiere oder bremse Produktgruppen je nach Bedarf.
- Vorsicht bei dynamischer Produktplatzierung und Display Ads: Hier können sich jetzt ungĂŒnstige Effekte entwickeln. Auf das verĂ€nderte Surfverhalten reagieren die Algorithmen mit gesteigerten Impressionen â das steigert momentan nicht deine Sales, dafĂŒr aber deine Kosten. Steuer dagegen, falls nötig.
- Social-Media-Advertising geschickt nutzen: Hier ist mit erhöhter AktivitĂ€t zu rechnen, was gĂŒnstig fĂŒr dich sein kann â aber nur, solange die Conversionrate stimmt. WĂ€g also auch hier Kosten und Nutzen ab und behalte die Lage im Blick.
Regel 6: zukunftsorientiert denken
Wenn du erst einmal Ordnung ins derzeitige Chaos gebracht und den Betrieb den UmstÀnden angepasst hast, kannst du nach den Gelegenheiten in der Krise suchen. Ein paar AnsÀtze:
- Zeit fĂŒr ĂberfĂ€lliges: Im AlltagsgeschĂ€ft ist fĂŒr viele Dinge nie genug Zeit â Produktinformationen optimieren, Kundendatenpflege, SEO-Arbeit oder Content-Produktion. RĂŒcklĂ€ufige Bestellungen und weniger Kundenanfragen eröffnen dir jetzt die nötigen KapazitĂ€ten. Wenn es wieder bergauf geht, bist du optimal vorbereitet.
- Zeit fĂŒr Arbeit an der eigenen Marke: Jetzt hast du die Gelegenheit, deine MarkenidentitĂ€t zu prĂŒfen und zu optimieren â und dich so fĂŒr die Zukunft besser zu positionieren.
- Zeit fĂŒr Arbeit am Kunden: Neukundenakquise ist in der aktuellen Krise schwierig und teuer. Gute Conversionrates und UmsĂ€tze bringen ohnehin vor allem Bestandskunden. Jetzt ist also ein guter Moment, den Fokus auf Kundenbindung zu legen. Bleib im GedĂ€chtnis â damit deine Kunden spĂ€testens nach der Krise wiederkommen.
Weder panischer Aktionismus noch Schockstarre sind die richtigen Reaktionen in Krisenzeiten. Ruhe bewahren, die Lage ĂŒberblicken, intelligent vorgehen und Potenziale aufbauen â das ist jetzt gefragt. Gerade der Onlinehandel hat die Möglichkeit, die Krise zur Gelegenheit zu machen: Er bietet Einkaufsmöglichkeiten, die im stationĂ€ren Handel grossteils zum Erliegen gekommen sind. Bereit sein zum Durchstarten, wenn es wieder lĂ€uft â das ist die Devise.